Die Bauwirtschaft auf den Kopf gestellt - Die Bauwirtschaft auf den Kopf gestellt

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null Die Bauwirtschaft auf den Kopf gestellt

Die Bauwirtschaft auf den Kopf gestellt

Die Kreislaufwirtschaft verändert die Geschäftsmodelle rasant. Statt einmalig Produkte zu verkaufen, werden langfristige Dienstleistungsverträge abgeschlossen. Dies könnte das Bauwesen auf den Kopf stellen. Die Planer sind für die Rolle des Bau-Brokers prädestiniert.

Die Nachhaltigkeit wird in Zukunft eine immer grössere Rolle spielen. So sieht das ab 2021 in Kraft tretende revidierte Beschaffungsrecht explizit vor, dass die öffentlichen Mittel nicht nur wirtschaftlich, sondern insbesondere auch volkswirtschaftlich, ökologisch und sozial nachhaltig eingesetzt werden sollen. Welche Auswirkungen hat diese Änderung auf die Geschäftsmodelle von Anbietern? Was könnte daraus für Planer abgeleitet werden?

 

Lebenszykluskosten als zentraler Bestandteil der zirkulären Wirtschaft

Das übergeordnete Ziel der Nachhaltigkeit ist die Schliessung der Stoffkreisläufe und Stärkung des Verursacherprinzips. Mit dem Primat der zirkulären Wirtschaft wird auch bei Beschaffungen der Blick vermehrt weg vom unmittelbaren Angebotspreis, hin zu einer langfristigen Lebenszykluskosten-Betrachtung wandern. Für Beschaffungsstellen relevant wird damit die Frage nach den Gesamtkosten eines Projekts. Dies wird die Geschäftsmodelle in vielen Branchen langfristig verändern.

 

Verkauf von Dienstleistungen statt Produkten fördert Stoffkreisläufe

So steht beispielsweise bei der Beleuchtungsproduktion im herkömmlichen Geschäftsmodell der Verkauf von Glühbirnen im Vordergrund. Nach deren Herstellung geht mit dem Verkauf das Eigentum der Birnen auf den Käufer über, welcher für deren Wartung und Entsorgung zuständig ist. Der Hersteller wird also dafür sorgen wollen, möglichst viele Glühbirnen zu produzieren und zu ersetzen. Der Verkäufer externalisiert somit seine Entsorgungskosten an den Käufer und hat einen Anreiz, möglichst kurzlebige Produkte herzustellen (geplante Obsoleszenz).

Philips hat damit begonnen, Beleuchtung statt Leuchten zu verkaufen, zum Beispiel am Amsterdamer Flughafen Schiphol. Es werden langfristige Verträge für eine bestimmte Anzahl zu beleuchtender Räume geschlossen. Für eine monatliche Gebühr sorgt das Unternehmen für die optimale Beleuchtung der Räume des Kunden. Glühbirnen werden überwacht und ab einer bestimmten Lebensdauer automatisch ausgewechselt. Das Eigentum bleibt stets beim Hersteller und damit auch die Kontrolle über den gesamten Produktlebenszyklus. Damit werden Hersteller möglichst langlebige Glühbirnen produzieren wollen, um kostspieligen Ersatz zu vermeiden. Andererseits senkt der Kunde seine Kosten beim Unterhalt, der Lagerung und Entsorgung des Produkts.

 

Leasing der Bausubstanz – ein Modell mit Zukunft?

Würde dieses Konzept in einem extremen Gedankenexperiment auf die Bauwirtschaft übertragen, bliebe das Eigentum an der Bausubstanz neu beim Hersteller. Sämtliche Kosten für Sanierungen und Rückbauten wären im Erstellungspreis bereits inbegriffen. Statt lediglich der Planung, Umsetzung und Übergabe des Bauwerks mit anschliessender Mängelfrist, würden Verträge mit einer Laufzeit von mehreren Jahrzehnten geschlossen. Der Bauherr als Grundstückeigentümer hätte noch die Wahl bei den Bauspezifikationen, beim Material und allenfalls den Sanierungsintervallen.

Eine solche konsequente Schliessung der Stoffkreisläufe würde die Bauwirtschaft wohl auf den Kopf stellen. Planer und Unternehmer würden langfristige Geschäftsbeziehungen eingehen, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist. Zugleich würden sämtliche Baurisiken auf die Ersteller übergehen. Andererseits könnten durch langfristige Finanzierungspläne auch Risiken minimiert werden. Neue Geschäftsmodelle beim Unterhaltsmanagement und der Entsorgung könnten für die Bauwirtschaft entstehen und in bestehende Geschäftsmodelle integriert werden.

 

The winner takes it all?

Die Kernelemente der zirkulären Wirtschaft bestehen aus Langfristigkeit und Gesamthaftigkeit. Dies hätte einschneidende Folgen für die öffentliche Beschaffung. Um den gesamten Lebenszyklus beherrschen zu können, bedarf es besonders grosser Unternehmungen oder vieler Subunternehmen, welche an einen Bau-Broker angeschlossen sind. Verträge für den Unterhalt könnten aufgrund der langen Laufzeiten nicht ohne Weiteres neu ausgeschrieben werden. Die Folge wäre eine Alles-oder-nichts-Wirtschaft.

 

Die Planer als Bau-Broker

Eine solche Veränderung wird nicht von heute auf morgen geschehen. Erfasst würden als erstes wohl diejenigen Bereiche, welche eine regelmässige Wartung voraussetzen, zum Beispiel die Gebäudetechnik. Ungeachtet der vielen offenen Fragen und Unsicherheiten könnten besonders für Planer attraktive Geschäftsfelder daraus entstehen. In ihrer Funktion als Bauherrenvertreter sind sie prädestiniert für die Rolle des langfristigen Bau-Brokers, welcher Verträge mit Subunternehmen aushandelt, Produktzyklen plant und gegenüber dem Bauherrn der langfristige Ansprechpartner für das Bauwerk ist. Voraussetzung ist aber, dass Planer die damit verbundenen Chancen und Risiken auch gegeneinander austarieren können.

Verfasst von: Laurens Abu-Talib laurens.abu-talib@usic.ch